Als erstes suchte ich mir eine Organisation, da man sonst kein Visum für den Aufenthalt bekommt. Ich entschied mich für AIFS und begann den Bewerbungsprozess. Referenzen, ärztliches Gutachten, Interview mit einem Berater, es gab einiges auszufüllen. Die Daten wurden in einem Profil online gespeichert. Endlich war alles vollständig und mein Profil wurde freigeschaltet. Nun konnten die Gastfamilien sich meine Bewerbung ansehen und mich kontaktieren. Wo würde ich wohl hinkommen? Ich hatte bestimmte Angaben machen können z.B. über die Anzahl der Kinder. So wird schon eine gewisse Vorauswahl getroffen, damit die Grundvoraussetzungen von Au-Pair und Familie ungefähr übereinstimmen.
Gespannt checkte ich in diesen Tagen meine E-Mails und wurde auch bald fündig: Post aus Amerika, Juhu! Eine Familie aus Michigan interessierte sich für mich. Debbie suchte ein Au-Pair-Mädchen für ihre Töchter Abby (7) und Emily (9). Schnell suchte ich Michigan auf einer Karte und fand es oben im Norden, an der Grenze zu Kanada. Auf den ersten Blick fielen mir gleich die vielen großen Seen auf. Das sah doch schon mal gut aus. Einige E-Mails, Telefonate und viele Fragen später war mein Interesse endgültig geweckt und ich entschied mich für diese Familie. Dann stand das Abflugsdatum fest, mein Visum war beantragt, es konnte losgehen.
Ich saß mit gemischten Gefühlen im Flugzeug und traf dort auf viele andere Au-Pairs. Erstes Ziel war für uns alle zunächst New York City, da wir dort in der Nähe die nächsten Tage verbringen würden, um bei der so genannten Orientation mit Informationen rund um unseren zukünftigen Aufgabenbereich versorgt zu werden (Erste Hilfe, Regeln und Pflichten, Land&Leute …). Ein Highlight war die Sightseeing Tour in New York. Alles war riesig, voll und leuchtend, man wusste gar nicht wo man hinschauen sollte. Vom Rockefeller Centre aus sah man die ganze Stadt und wir entdeckten auch schnell die Freiheitsstatue. Ein toller erster Eindruck!
Dann wurde es wieder spannend, ich saß im Flugzeug und war auf dem Weg nach Detroit zu meiner Gastfamilie. Am Flughafen wurde ich von meiner Gastmutter in Empfang genommen, da es schon spät war und die Mädchen am nächsten Tag Schule hatten. Wir mussten noch eine Stunde mit dem Auto fahren bis wir endlich das Haus erreichten. Ich war sehr gespannt auf meine neue Umgebung, aber konnte noch nicht so viel sehen, weil es schon dunkel war. Die Mädchen schliefen leider schon und ich war enttäuscht, da ich gehofft hatte sie heute noch kennen zu lernen. Meine Gastmutter zeigte mir das Haus und mein Zimmer. Das Haus war schön, aber noch fühlte ich mich ziemlich fremd und ging bald schlafen, ganz erschlagen von den vielen verschiedenen Eindrücken. Am nächsten Morgen wurde ich von einem aufgeregtem Flüstern geweckt und sah einen Schatten von der Tür weghuschen. Das können wohl nur die Mädchen sein, dachte ich mir und stand auf, schließlich war ich ja mindestens genauso neugierig. Sie taten ganz überrascht, dass ich schon wach war und waren recht schüchtern. Ich hatte ihnen ein paar Dinge aus Deutschland mitgebracht über die sie sich freuten, z.B. Schokoladen-Euros und Spielzeug. Dann mussten sie auch schon los zur Schule und ich war wieder mit meiner Gastmutter alleine. Sie hatte die ersten Tage frei und konnte mir so alles Wichtige zeigen. Wir gingen einkaufen und ich war beeindruckt von der Größe der Supermärkte. Alles war so riesig und besonders am Anfang fragte ich mich, was für eine Strecke ich wohl im Laden zurücklegte, da ich ständig hin und her laufen musste, weil ich nicht alles gleich fand. Als die Mädchen aus der Schule kamen, fuhren wir zusammen mit dem Cousin zu einem Indoor-Spielplatz, sodass ich alle ein bisschen besser kennen lernen konnte. Die Mädchen wurden sicherer und auch ich fühlte mich nicht mehr so fremd.
Der Alltag war zunächst noch ungewohnt und einige technische Dinge anders als ich es kannte (z.B. Waschmaschine, Herd, die Garage, die man mit einem Code öffnete und auch vom Auto aus bedienen konnte), aber ich gewöhnte mich schnell an den Tagesablauf: Morgens weckte ich die Kinder, machte ihnen Frühstück und brachte sie zur Schulbushaltestelle, wo der gelbe Schulbus um 9 Uhr losfuhr. Gegen 16 Uhr kamen die Kinder wieder und ich sah nach, ob sie Hausaufgaben zu erledigen hatten. Anschließend war Zeit für die Aktivitäten der Kinder (z.B. Gymnastik) oder zum Spielen. Nach dem Abendbrot ging es dann auch schon bald ins Bett für die Mädchen. In der freien Zeit dazwischen traf ich Freunde, ging zum Sport, erledigte Besorgungen, oder schrieb E-Mails nach Deutschland. Einmal pro Woche fuhr ich in die Schule der Mädchen und half dort (z.B. übte ich mit schwachen Schülern Mathe). Es war für mich interessant das Schulleben zu erleben. Die Regeln für Besucher sind dort viel strenger, man muss durch das Sekretariat gehen und sich dort an- und wieder abmelden. Die Schüler haben fast alle Fächer bei Klassenlehrer und gehen zu dem Lehrer in den entsprechenden Raum. Das war eine schöne Erfahrung.
Weitere Aufgaben von mir waren die Wäsche der Kinder zu waschen und darauf zu achten, dass das Kinderzimmer einigermaßen ordentlich war. Meistens räumten wir es gemeinsam auf. Wenn ich am Wochenende arbeiten musste, machte ich mit den Mädchen Ausflüge, wir verbrachten Zeit am See oder auf verschiedenen Spielplätzen der Umgebung. Meine Gastmutter arbeitete in verschiedenen Schichten, dadurch hatte ich immer unterschiedliche Arbeitstage.
In meiner Freizeit traf ich mich viel mit anderen Au-Pairs, wir genossen es,
24 Stunden lang jeden Tag im Supermarkt einkaufen zu können, waren so oft im Kino wie nie zuvor und lernten die Shopping-Malls zu schätzen (auch Sonntags geöffnet). Mir stand ein Auto zur Verfügung (natürlich Automatik), mit dem ich die Mädchen fuhr und das ich auch für Freizeitaktivitäten verwenden konnte. Dies war sehr wichtig, da die Entfernungen in den USA anders sind als man es von Deutschland her kennt und auch anders bewertet werden. So war es eigentlich nichts, wenn man 45 Minuten fuhr, um sich auf einen Kaffe zu treffen. Anders als mit dem Auto wurde die Fortbewegung auch schon schwierig, Fahrradwege gibt es kaum, zu Fuß gehen tut sowieso keiner und wenn man als Deutscher doch mal auf so eine Idee kommen sollte, wird man nur verständnislos angesehen.
Da ich nicht jedes Wochenende arbeiten musste und 2 Wochen bezahlten Urlaub hatte, blieb genug Zeit zum Reisen. So sah ich unter anderem Chicago, Toronto und die Niagara Fälle (alles nicht weit weg, nur 5 Stunden FahrtJ), verbrachte Silvester in New York und besuchte Freunde an der Ostküste. Als Abschluss machte ich noch einen vierwöchigen Roadtrip entlang der Westküste, da mein Visum noch für einen 13. Reisemonat gültig war. Los Angeles, Las Vegas, der Grand Canyon, Yellowstone Nationalpark, Salt Lake City und San Francisco waren nur einige der Ziele - ein echt tolles Erlebnis in diesem Land voller Vielfalt und Abwechslung. Schneller als ursprünglich einmal gedacht, saß ich dann wieder im Flugzeug zurück nach Deutschland und musste mich daran gewöhnen, dass Sonntags die Geschäfte geschlossen haben, man im Auto schaltet und die Parkplätze nicht mehr übergroß und im Überfluss vorhanden sind.
Es war eine tolle Zeit, an die ich gerne zurück denke, auch wenn natürlich nicht immer alles glatt gegangen ist und es die alltäglichen Höhen und Tiefen gab.
Ingesamt habe ich die Amerikaner als sehr gastfreundlich und interessiert erlebt.
Ein Besuch bei meiner Gastfamilie ist auf jeden Fall geplant und ich freue mich schon auf ein Wiedersehen.
Julia Wohlrab




