Ich bin dann mal weg!
Die Propeller zerschnitten die kalte Morgenluft, die an diesem Tag über dem Flughafen hing. Es war zwar kalt, doch trotzdem hatte ich nur ein T-Shirt an. Mein Blick schweifte das Gebäude, in dem sie jetzt waren. Vielleicht standen sie jetzt gerade an einem Fenster mit starrem Blick auf das Flugzeug. Ich hoffte es einfach und schloss die Augen. Als das Flugzeug langsam an Fahrt zunahm, holte ich noch einmal tief Luft und flüsterte kaum hörbar zu mir selbst: „Auf geht´s!“. Mit dem Beginn meines Austauschjahres ging für mich eine neue Zeit an. Ich ließ alles hinter mir und flog in eine komplett andere Welt. Nach über neun Stunden Flug kamen wir, etwa 30 Austauschüler mit Betreuern, in New York an.
Ich konnte während des Fluges leider nicht schlafen und habe mich deshalb mit meinem Sitznachbarn unterhalten. Er war ein Deutscher, der in Mannhatten wohnt und so erfuhr ich schon im Flugzeug, was es alles in New York zum Besichtigen gibt. Doch den dadurch fehlenden Schlaf bekam ich schnell zu spüren. Durch die Zeitverschiebung kamen wir am frühen Nachmittag desselben Tages an und hatten somit einen sechs Stunden längeren Tag (Das wünsche ich mir in Deutschland vor manchen Klausuren). Nachdem jeder Jugendliche überprüft worden war und sein Gepäck abgeholt hatte, wurden wir von einem Bus abgeholt, wobei ich fast schon akrobatisch meine vielen und schweren Taschen irgendwie zum Bus getragen habe. Dort erlebte ich dann meinen ersten Kreislaufschock: Im Gegensatz zu dem heißen und trockenem Wetter, welches den ganzen Westen der USA umfasste, war es im Bus eiskalt wie in einem Iglu.
Ich öffnete sofort meinen Koffer und zog meine Winterjacke an, die ich eigentlich für das nasse und kalte Winterklima in Seattle mitgenommen habe. Die folgende Busfahrt zu unserem Hotel, in dem unsere Austauschgruppe in den nächsten drei Tagen wohnen würde, verdrängte die Müdigkeit sofort und ersetzte sie gegen Adrenalin. Wie ein kleines Kind, was zum ersten Mal Schneeflocken aus dem Fenster aus betrachtet, blickte ich auf die riesigen Hochhäuser, die in der Ferne zu sehen waren. Ich versuchte mir diesen Moment in meine Erinnerungen einzuprägen. Schließlich kamen wir mit dem Bus im Hotel an. Dort wurden wir mit Plakaten und Fahnen begrüßt und konnten die amerikanische Gastfreundschaft genießen. Nachdem man uns in verschiedene Zimmer aufgeteilt hat, folgte wieder eine akrobatische Koffer-Einlage, bis ich dann erschöpft, aber zufrieden in meinem Bett versank. „What´s up?“, hörte ich eine Stimme, als ich mich gerade hingelegt hatte. Es war Arthur, ein ungarischer Jugendlicher mit einem scheinbar unendlichen Optimismus. Er war einer meiner zwei Zimmerkollegen mit denen ich mich schnell anfreundete und viel in den nächsten Tagen unternahm.
Kurz darauf wurden wir zum Dinner gerufen, was sich als Königsmahl herausstellte. Hier gab es alle möglichen Arten von amerikanischen Essen, was man sich wünschen konnte. Da Arthur und ich nicht widerstehen konnten, mussten wir von allem etwas probieren, was sich jedoch als Fehler herausstellte, denn das war bei der Fülle des Essens nicht möglich – wir mussten nach drei Viertel aufgeben. So ist es schnell Abend geworden und mit vollen Bäuchen und völlig übermüdet waren eigentlich alle bereit zum Schlafen. Doch zuvor standen noch kurze Workshops auf dem Programm und so versuchten Arthur und ich uns mit Cola wachzuhalten.
Nach einem informativen Einleitungsworkshop wurden wir alle erlöst und ins Bett geschickt. Im Nachhinein muss ich sagen, dass es gut war, dass wir erst so spät ins Bett gegangen sind, da so unser Jetlag schneller beseitigt werden konnte. Die nächsten zwei Tage waren eine Mischung aus New York besichtigen und Workshops. Die Workshops waren interessant gestaltet und die Besichtigungsorte von New York gut ausgewählt. So waren wir zum Beispiel im UN-Sicherheitsrat, im Hardrock-café, Ground Zero und in Madame Tussauds. Diese Zeit war fantastisch, da auch das Wetter größtenteils mitgespielt hat. AIFS hat uns somit einen perfekten Überblick über die Stadt gegeben, die niemals schläft. Dass dieses Sprichwort der Wahrheit entspricht, haben ein paar Freunde und ich bemerkt, als wir bei einer unserer vielen Freizeiten in New York auf die Times Square abbogen. Überall um uns herum waren riesige Bildschirme, die so hell waren, dass sie die ganze Straße mit Licht versorgten, so dass es aussah wie am Tag, obwohl es eigentlich schon später Abend war. Das Sahnehäubchen wurde durch die Besichtigung des Rockefeller Centers aufgesetzt, wo wir den „Top of the Rock“ bestiegen durften. Das 259 Meter hohe Gebäude erlaubte uns einen Panoramablick auf das Nachtleben von New York.
„Hey Dominik! Wake up!“, hörte ich eine Stimme und eine Hand rüttelte an mir, sodass ich den Kopf hob. Ich schaute auf den Wecker und erstarrte. Wir hatten 2:05 in der Nacht. Der Bus, der zu meinem Flug fährt, wird in zwanzig Minuten abfahren. „You haven´t heard three alarm clocks.“, sagte Peter, mein anderer Zimmerkollege aus Italien, und lachte. Ich dankte ihm mit einem Klaps auf die Schulter, da sein Flug eigentlich erst um 9 Uhr war und er somit durchschlafen könnte. Nachdem ich auch Arthur geweckt habe, der denselben Flug wie ich hatte, und wir unsere Sachen in Rekordzeit runter getragen haben, bemerkten wir beim Frühstück, dass wir nicht die einzigen waren, die ihren Wecker nicht gehört haben. Doch die Organisatoren hatten genug Zeit eingeplant, um alle übrigen Schüler noch zu wecken. Danach ging es zum Flughafen und eine aufgeregte Stimmung entwickelte sich im Bus. Auch die letzten Austauschschüler waren jetzt hellwach und schauten gespannt auf unser Flugzeug. Ein Betreuer vom Programm begleitete uns zum Flughafen und gab uns nochmal den Tipp, lieber nochmal das Gewicht der Koffer nachzumessen.
Und tatsächlich: Ich hatte in New York ein paar Sachen eingekauft und hatte deshalb jetzt zu viel Gewicht. Dies war jedoch kein Problem für mich und so zog ich zwei T-Shirts, einen Pullover und meine Winterjacke an. Das Gewicht passte wieder. Als ich mein Resultat gerade Arthur präsentieren wollte, sah mich dieser an und sagte: „Hm… I forgot my passport in the bus.“. Unser Flug war aber schon angesagt und der Bus hatte keine Möglichkeit vor dem Flug noch zurückzukommen. Doch auch dafür gab es Notfallpläne und der Betreuer konnte den Flug verlegen. So verabschiedete ich mich von meinem neuen Freund und bestieg mit den anderen Austauschschülern das Flugzeug. Ich lehnte mich zurück, als das Flugzeug startete und eine Stimme in meinem Kopf sagte mir: „Auf in das nächste Abendteuer.“.




